Geschichte Biografien

Geschichte Biografien

Die Anfänge der Lebensgeschichten – Biografie eines Genres

Es gibt viele individuelle Gründe, um seine (Auto-)Biografie schreiben zu wollen: Reflexion, die Weitergabe der eigenen Geschichte, oder um allgemein etwas Bleibendes zu hinterlassen. Aber warum haben Menschen überhaupt angefangen, Lebensgeschichten aufzuschreiben? Und wie weit liegen diese Anfänge zurück? Bei der Klärung dieser Fragen lässt sich auch ein weiterer besonders interessanter Aspekt beleuchten: Der Wandel des Genres über die Jahrhunderte. Denn was unter anderem als erzieherischer Auftrag entstand, mündet heute in der Beschäftigung mit dem eigenen Inneren. Grund dafür sind vor allem zwei kulturgeschichtliche Wendepunkte: die Renaissance und die Aufklärung.

Antike: Charakter statt Heldentaten – Plutarchs Parallelbiografien

Forscht man nach den Anfängen der Lebensgeschichte als Genre, stößt man schnell auf den Schriftsteller Plutarch, der zirka vom Jahr 45 bis 125 im Römischen Reich lebte. Er war zwar nicht der Erste, der die Geschichten von Persönlichkeiten aufgeschrieben hat – beispielsweise bezieht er sich selbst auf Philosophen und Dichter, die dies vor ihm getan hatten. Allerdings stand bei ihm dabei nicht, wie sonst oft üblich, die Vergangenheit im Mittelpunkt, sondern der Charakter derer, die er porträtierte. Damit wollte er seinen Lesern Vorbilder und auch abschreckende Beispiele präsentieren, die die Zeit überdauern.

Seine berühmteste Schrift diesbezüglich sind die Parallelbiografien, auch bekannt als Leben und Taten berühmter Griechen und Römer, in denen er 48 Biografien einander gegenüberstellt. Mit dabei sind unter anderem Julius Cäsar und Alexander der Große, deren Tugenden und Scheitern Plutarch herausgearbeitet hat. Er wollte damit dem Leser eine Orientierung geben. Aus diesem Grund konzentrierte er sich nicht nur auf die historischen Errungenschaften der Personen, sondern auch auf ihr Privatleben. Darüber hinaus verstand Plutarch sich als Vermittler zwischen den Griechen und Römern.

Mittelalter: von Wundern und Heiligen – die Hagiografien

Mit dem Erstarken des Christentums im 4. Jahrhundert kam eine weitere, weniger weltliche Form der Biografien auf: die Heiligenviten, auch Hagiografien genannt. Sie waren, wie der Name schon sagt, die Niederschriften von Lebensgeschichten Heiliger – entsprechend frei bediente man sich auch der historischen und individuellen Fakten. Wie beispielsweise im Fall der Parallelbiografien Plutarchs wollte man dem Volk damit Orientierung geben, allerdings eher weniger ausgewogen und dafür umso mehr in Richtung moralisches Vorbild. Nicht zuletzt waren in Auftrag gegebene Hagiografien auch ein gutes Marketinginstrument für Klöster, um beispielsweise ihre Stellung als Wallfahrtsort zu festigen.

Die Biografien von Heiligen wie die des Abtes Cuthbert von Lindisfarne oder des heiligen Bonifatius waren durchaus mit tatsächlichen Ereignissen verwoben. Ansonsten waren sie aber verfasst worden, um einseitig die tugendhaften Züge der Gottesfürchtigen – um nicht zu sagen Erwählten – herauszustellen. Spätestens bei posthum gewirkten Wundern darf man sich da die Frage stellen, wie realistisch diese Art der Biografien gewesen ist. Dennoch sind sie aufschlussreich bezüglich der Tugenden und Werte jener Epochen.

Renaissance: individuelle Innenschau – Benvenuto Cellinis Mein Leben

In der Renaissance besann man sich wieder auf den Menschen als Individuum und löste ihn nach und nach aus dem Gefüge von Religion und Herrschaftsordnung. Dem Einzelnen wurde zugetraut, sich die Welt selbst erschließen und interpretieren zu können. Nach Jahrhunderten bekam das Christentum also einen irdischen Konkurrenten: den Humanismus. Basierend auf entsprechenden Schriften trugen nicht zuletzt die Künstler in ihren Werken den humanistischen Gedanken in die Welt. Das spiegelte sich auch in Biografien wider.

So beispielsweise in der Autobiografie des italienischen Künstlers Benvenuto Cellini, die 1728 veröffentlicht wurde. Cellini nimmt hier kein Blatt vor den Mund und schildert sein Leben, wie es aus seiner Sicht war. Dabei werden halbseidene bis kriminelle Aktivitäten wie die von ihm begangenen Morde genauso dargestellt wie seine Homosexualität. Unter anderem Letztere verleitete Goethe in seiner 1803 erschienenen Version der Cellini-Biografie dazu, alle möglichen Ungenauigkeiten vorzunehmen und vor allem die sexuelle Orientierung unter den Tisch fallen zu lassen. Allerdings verhalf Goethe mit seiner freien Übersetzung Das Leben des Benvenuto Cellini der Lebensgeschichte des Künstlers zu größerer Bekanntheit.

Aufklärung: das Wesen des Menschen darstellen – Rousseau und Boswell

Im Lichte der Aufklärung schließlich zeichneten Biografien immer genauer nicht nur das Leben, sondern auch die Persönlichkeiten und Motive der Porträtierten nach. Das Ich rückte immer mehr in den Mittelpunkt; man wollte verstehen, warum Menschen waren, wie sie waren. Das traf sowohl auf Biografien als auch Autobiografien zu.

So vor allem die in den 1780ern erschiene Autobiografie Die Bekenntnisse von Jean-Jacques Rousseau, in denen er all das über sich selbst erzählt, was dazu dient, seine eigene Person so wahrhaftig wie möglich zu präsentieren. Sein Anspruch war, nichts auszulassen – auch nicht, wenn es seinem Ansehen schaden könnte. Er wollte der Leserschaft damit unter anderem ein Beispiel für Wege der Selbstverwirklichung geben.

Der schottische Schriftsteller James Boswell zeichnet in der 1791 erschienenen Biografie The Life of Samuel Johnson Leben und Persönlichkeit seines Freundes, dem englischen Schriftsteller Samuel Johnson, akribisch nach. Dazu bedient er sich auch zahlreicher Anekdoten, Briefe und Tischgespräche, die das Werk umso anschaulicher und plastischer gestalten. Es kann angesehen werden als Wendepunkt des Genres Biografie hin zu den detaillierten modernen Werken, wie wir sie heute kennen.

20. Jahrhundert: die Entdeckung „normaler“ Menschen – Kollektivbiografien und Co.

Nachdem in vorangegangenen Jahrhunderten das Individuum entdeckt und in seiner Gesamtheit immer mehr das Objekt von (Auto-)Biografien wurde, tat sich im 20. Jahrhundert ein weiteres Feld dieses Genres auf: die Biografie „normaler“ Leute, die eben nicht aufgrund ihrer Berühmtheit porträtiert wurden. Das gilt zunächst insbesondere für die Kollektivbiografien, wie sie im Rahmen soziologischer Forschung verfasst werden. Sie stellen das Leben und die Psychologie einzelner Gruppen dar, wie beispielsweise jener, die bestimmte Ämter inne haben, einzelnen sozialen Zirkeln angehören oder Repräsentanten ihrer Generation sind.

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen die Promi-Biografien, wie sie jährlich zahlreich auf den Markt kommen und mal mehr, mal weniger den Tatsachen entsprechen.

Zusätzlich hat sich im 20. Jahrhundert nicht nur die Bandbreite der Porträtierten diversifiziert und spezifiziert, sondern auch die Form der Biografie. So gibt es neben den klassischen Einzel- und Kollektivbiografien mittlerweile auch biografische Graphic Novels oder Oral-History-Formate. Bei Letzteren wird mündlich Überliefertes zusammengestellt und steht als Blumenstrauß von Blickwinkeln, oft auch widersprüchlichen, nebeneinander.

 

 

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